»Ich will nicht streiten.«

Diesen Satz haben wir alle schon einmal gehört oder gesagt. Aber Streit ist Teil der menschlichen Kommunikation. Er begegnet uns täglich: in den Medien, in politischen oder gesellschaftlichen Debatten, in der Familie oder in der Beziehung. Streit ist wichtig: Er gibt uns die Chance, uns zu verstehen, auszutauschen und anzunähern.

Das Museum für Kommunikation Berlin geht in der Ausstellung STREIT. Eine Annäherung diesen Begegnungen nach. Objekte und Geschichten erzählen vom Streit über Geschmack, Anerkennung, Wiedergutmachung oder Erwartungen – als Teil einer größeren Debatte oder auf ganz persönlicher Ebene.

Streit ist nichts Schlechtes: Wir haben als demokratische Gemeinschaft die Chance, über gutes, zugewandtes Streiten Verständnis, Austausch und Annäherungen zu ermöglichen. Manchmal ist es weniger das Reden und mehr das Zuhören, was einen Streit zu einer guten Sache werden lässt.

STREIT. Eine Annäherung
Museum für Kommunikation Berlin
7. Oktober 2022 – 27. August 2023

Was genau ist …

... ein Streit?

Auseinandersetzung zwischen zwei oder mehreren Personen oder Gruppen, die – oft emotional – eine Meinungsverschiedenheit offen austragen.

... ein Konsens?

Allgemeine Einigung auf einen bestimmten Standpunkt oder die Schnittmenge geteilter Meinungen. Ein Konsens kann bereits vor einem Streit bestehen oder als dessen Ergebnis entstehen.

… ein Konflikt?

Zustand, wenn sich zwei oder mehrere gegensätzliche Positionen gegenüberstehen – auf inhaltlicher oder auch physischer
Ebene. Ein Konflikt kann eskalieren und ist dann schwierig zu moderieren oder aufzulösen.

… eine Debatte?

Streitgespräch, das formalen Regeln und Abläufen folgt. Eine Debatte dient oft zur inhaltlichen Vorbereitung einer Entscheidung. In Debattierklubs wird sportlich »um die Wette gestritten«.

… eine Kontroverse?

Lang andauernder Zustand einer thematischen Debatte.

… ein Diskurs?

Sammlung aller Aussagen zu einem Thema, die den Verlauf gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Diskussionen nachzeichnet.

… eine Diskussion?

Lebhaftes Gespräch über ein bestimmtes Thema zwischen zwei oder mehreren Personen mit verschiedenen Standpunkten.

… eine Kritik?

Beurteilung einer Sache, Meinung oder eines Zustands anhand formaler, wissenschaftlicher oder auch persönlicher Kriterien.

… Streit- oder Debattenkultur?

Normalisierung und Aufwertung des Streits oder der Debatte. Streit ist normal, erlaubt, soll fair verlaufen, alle Parteien haben die gleichen Rechte (auch, auf den Streit zu verzichten). Ein guter Streit endet mit einer Einigung, einer Versöhnung oder dem Verständnis für das Gegenüber und belastet nicht das Verhältnis der Streitenden.

Wie kann man gut streiten?

1. Versuche, wirklich zu verstehen

Höre zu, wenn Dein Gegenüber spricht, und versuche zu verstehen, worum es ihm geht. Fasse zusammen, was Du hörst: »Wenn ich Dich richtig verstanden habe, dann ist Deine Sorge, dass …« Nur so kannst Du wirklich erfassen, was gemeint ist. Man nennt das »aktives Zuhören«.

2. Bleibe beim Thema

Wir neigen dazu, an entscheidenden Stellen abrupt das Thema zu wechseln oder hintereinander verschiedene Meinungen zu äußern. So verlieren wir wichtige Punkte aus dem Blick, bevor wir ihnen auf den Grund gegangen sind. Hake nach: »Das scheint mir ein neuer Punkt zu sein. Kannst Du mir erst noch erklären, was Du vorher gemeint hast?«

3. Stelle offene Fragen

Eine wichtige Frage während eines Streits ist: »Warum glaubst Du, dass …?« Damit signalisierst Du den aufrichtigen Wunsch, Dein Gegenüber zu verstehen – eine gute Grundlage für die weitere Diskussion.

4. Finde Gemeinsamkeiten

In jedem Gespräch und mit jedem Gegenüber lassen sich Gemeinsamkeiten finden. Das schafft ein gutes Klima und macht deutlich, an welchem Punkt Ihr verschiedener Ansicht seid. Womöglich liegen Eure Positionen weniger weit voneinander entfernt, als Du denkst.

5. Belehre Dein Gegenüber nicht

Vermeide es, den Zeigefinger zu erheben. Wenn Du belehrend bist, rufst Du beim Gegenüber Abwehr hervor – Dir würde es umgekehrt genauso gehen. Besser: Stelle mit Nachfragen persönliche Bezüge her: »Ist es Dir selbst schon einmal passiert, dass …?«

6. Begründe Deinen Standpunkt

Deine Meinung ist wichtig. Aber der bloße Austausch von Meinungen genügt nicht. Um miteinander ins Gespräch zu kommen, solltest Du Deinen Standpunkt begründen und Dein Gegenüber einladen, das Gleiche zu tun.

7. Interpretiere wohlwollend

Stürze Dich nicht auf die schwachen Argumente Deines Gegenübers. Versuche, jedes Argument bestmöglich zu verstehen und auf seine Stärken einzugehen – selbst wenn es nicht perfekt ausformuliert ist. In der Argumentationslehre nennt man dies »Prinzip des Wohlwollens«.

8. Übe sachliche Kritik

Korrigiere falsche Informationen. Decke voreilige Schlüsse und Pauschalisierungen auf. Weise auf lückenhafte oder widersprüchliche Stellen in der Argumentation hin. Gehe mit Deiner Kritik jedoch sparsam um und vermeide die offene Konfrontation.

9. Deeskaliere

In Diskussionen können Emotionen hochkochen. Achte darauf, dass Dein Gegenüber sein Gesicht nicht verliert, wenn Du Kritik übst. Bringe gelegentlich Humor ein und sprich Eure Gefühle an: »Ich merke, dass Dich das sehr wütend macht.« Wichtig ist es, in jedem Fall ruhig zu bleiben.

10. Wechsle die Perspektive

Oft scheitern Diskussionen an entgegengesetzten Wertvorstellungen. In solchen Fällen kann es helfen, wenn Du die Perspektive des Gegenübers einnimmst und überlegst, wie Du an seiner Stelle argumentieren würdest. Aber: Wenn eine Grenze überschritten wurde, ist es in Ordnung, das Gespräch zu beenden.

Quelle: Forum für Streitkultur.

Das Forum für Streitkultur erforscht, erprobt und trainiert konstruktives Argumentieren mit Gleichgesinnten, Andersdenkenden und Rechtspopulisten.
forum-streitkultur.de

Welches Streittier bist Du?

Jeder Streit ist unterschiedlich. Sehr häufig kommt es vor, dass auf eine Kritik eine Verteidigung folgt und dass sich jemand, wenn er:sie sich mit der Situation überfordert fühlt, entweder zurückzieht oder einen Gegenangriff startet. Das hängt von der eigenen Persönlichkeit, der konkreten Beziehung zwischen den Streitenden und schließlich auch deren individueller Art zu streiten ab.

… der Wolf:

selbstbewusst, meinungsstark, widerspricht und kritisiert häufig, lässt sich nur schwer von den Argumenten anderer überzeugen

... der Fuchs:

folgt Diskussionen sehr aufmerksam, hat eine schnelle Auffassungsgabe, streitet strategisch und auch opportunistisch und kann seine Abneigung gegen andere Meinungen schlecht verbergen

… die Eule:

erklärt eigene Gefühle, bietet Lösungsvorschläge an und versucht sich in die Lage des Gegenübers zu versetzen, geht oft Kompromisse ein, manchmal zum eigenen Nachteil

… der Affe:

streitet sich gern und ist schlagfertig, hat stets Argumente, Thesen oder Zitate parat, äußert sich zu allem, ist dabei aber mal mehr, mal weniger gut informiert

… die Schildkröte:

ist ruhig und bedacht, eine gute Beobachterin und kann sich (wenn es sein muss) aus einem Streit zurückziehen, Streitvermeidung kann als Desinteresse gedeutet werden

_Worüber streiten wir?_

Liebe, Macht, Geld, Kunst: Streiten kann man über fast alles.

Streit über Kunst

Kunst bereichert unser Leben. Sie kann so vielfältig sein wie die Menschen, die sie schaffen oder betrachten. Im Dialog über Kunst vereinen sich emotionale Reaktionen, unterschiedliche Definitionen von Schönheit und persönliche Bewertungen der Künstler:innen selbst.

© »I sold my devil to the soul«, Martin Eder, 2019, Galerie EIGEN + ARTLeipzigBerlin/VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Kunst oder Kitsch?

©»sore-I-ah-sis«, Sally Hewett, 2017, Foto: Peter Boesang

Was ist schön?

Streitfrage

Kann man über Geschmack streiten?

Findest du, dass ...

Kunst VS Künstler:in?

Eine ausgezeichnete Frage – die Du allerdings selbst beantworten musst. Ein Austausch, vielleicht sogar eine Diskussion mit Freund:innen, kann Dir dabei sicher helfen. Während einer Unterhaltung über Künstler:innen, die großartige Musik, Literatur oder Filme machen, sich aber darüber hinaus unangemessen verhalten oder sogar strafbar gemacht haben, merkt man schnell, dass eine eindeutige Antwort gar nicht so einfach ist. Über diesen Fall haben wir uns den Kopf zerbrochen:

© »Pippi Langstrumpf«, Astrid Lindgren, 1970, Foto: Peter Boesang

Pippi Langstrumpfs Papa heißt jetzt Südseekönig und das ist gut so!

Was ist Cancel Culture?

»Cancel Culture« (etwa »Kultur der Absagen«) taucht erstmals 2014 im Kurznachrichtendienst Twitter auf. Damit ist gemeint, dass eine Person oder Organisation, der ein Fehlverhalten, beleidigende oder diskriminierende Aussagen oder Handlungen vorgeworfen werden, öffentlich boykottiert werden soll: »Diese Person ist für mich gecancelt.« Kritiker:innen dieses Ansatzes werfen der Cancel Culture eine politische Agenda vor, die die Kultur als solche zensieren und öffentliche Debatten unmöglich machen will.

Streitfrage

Hast Du schonmal jemanden gecancelt?

Hast du schonmal jemanden gecancelt?

Liebe tut weh

Liebe ist eine der stärksten Emotionen. Liebe macht angreifbar und verletzlich. Der Streit ist ein Teil davon: Wir gehen in die Auseinandersetzung, wenn uns eine Beziehung besonders wichtig ist und uns etwas aufrichtig am Herzen liegt – immer mit dem Willen zur Versöhnung.

© Museumsstiftung Post und Telekommunikation

»Glückliches Neujahr«, 1910

© Museumsstiftung Post und Telekommunikation

»Sei wieder gut«, um 1929

© Museumsstiftung Post und Telekommunikation

codiertes Streiten: die Briefmarkensprache, 1961

© Museumsstiftung Post und Telekommunikation

»Ich mag dich nicht!«, 1911

© Museumsstiftung Post und Telekommunikation

»Gespräche am Strand«, 1917

© Museumsstiftung Post und Telekommunikation

»Der erste Streit«, um 1928

Streitfrage

Ist eine Beziehung, in der gestritten wird, die bessere?

Ist eine Beziehung, in der gestritten wird, die bessere?

Geliebte Streitorte

Die Debatte am Esstisch, in der WG oder in der Kneipe, im Internet oder am Telefon und die raue Konkurrenz im Fußballstadion: An manchen Orten kommen wir besser ins Gespräch, konzentrieren uns mehr auf unser Gegenüber oder haben einfach besonders viel Spaß daran, leidenschaftlich für die eigene Sache zu kämpfen.
In eigens dafür entwickelten Spielen können wir sogar unsere Streitfähigkeit erproben.

© Museumsstiftung Post und Telekommunikation, Foto: Peter Boesang

Streit über und am Küchentisch mit dem Debattierspiel »Rhetorisches Quartett« von Wollmilchmedien, 2020

© Christian Werner, 2019

leidenschaftliche Auseinandersetzungen auf dem Fußballplatz »An jedem verdammten Sonntag«

Machtfragen

Teile der deutschen Demokratiegeschichte sind streitbar – in ihren Folgen und in unserer Erinnerungskultur. Der gute Streit darüber, das Miteinander- und nicht Übereinanderreden sowie Konfliktbereitschaft sind die Basis für gesellschaftlichen Wandel.

Streitfrage

Ist Demonstrieren sinnlos?

Ist Demonstrieren sinnlos?

Mediale Debatten

Eine stabile Demokratie steht im direkten Zusammenhang mit einer etablierten, seriösen und vielfältigen Medienlandschaft. Verschiedenen Informationen, Nachrichten und Kommentaren werden darin unterschiedlich viel Raum und Zeit eingeräumt.
Was wir lesen, hören oder sehen, gleichen wir mit unseren Erfahrungen und persönlichen Ansichten ab. Wie Nachrichten aufbereitet werden und welche Sprache sie dabei nutzen, beeinflusst aktiv unsere Meinungsbildung – und wie und worüber wir streiten.

Geldprobleme

»Bei Geld hört die Freundschaft auf«, besagt ein Sprichwort. Geld ist die treibende Ressource unserer Zeit – und daher Gegenstand grundlegender Auseinandersetzungen. Über Geld spricht man vielleicht nicht, doch als Anlass für einen handfesten Streit eignet es sich allemal.

© Museumsstiftung Post und Telekommunikation, Foto: Peter Boesang

Demonstrationszug der Deutschen Postgewerkschaft in Hamburg, 1987

© Museumsstiftung Post und Telekommunikation, Foto: Peter Boesang

Streikschild von Telekom-Gewerkschafter:innen, die im August 2018 in Berlin gegen T-Mobile US protestieren

© Museumsstiftung Post und Telekommunikation, Foto: Peter Boesang

Fahrer:innen der Gorillas GmbH erstreiten 2021 vor Gericht einen Betriebsrat

Streitfrage

Sollten alle Berufsgruppen streiken dürfen?

Sollten alle Berufsgruppen streiken dürfen?

Provokation, Publicity, Placebos

Warum provozieren manche Menschen Streit?

Streit erzeugt Aufmerksamkeit. Wenn also große Unternehmen, Künstler:innen, Politiker:innen oder Medien einen Streit provozieren, lohnt es sich immer, zweimal hinzuschauen: Geht es wirklich um die Sache oder wird hier nur laut auf ein Produkt oder eine Veröffentlichung aufmerksam gemacht und die Vermarktung angekurbelt? Oder soll vielleicht sogar von etwas ganz anderem, viel Streitbarerem, abgelenkt werden?

© Museumsstiftung Post und Telekommunikation, Foto: Peter Boesang

Merchandise von »Querdenken 711«, der sich im Zuge der Proteste gegen die Schutzmaßnahmen während der Corona-Pandemie, tausendfach verkauft

© Museumsstiftung Post und Telekommunikation, Foto: Peter Boesang

Die AfD-Smoothieflaschen »Die Qual der Wahl« der Marke true fruits provozieren Widerstand – und somit erhöhte Aufmerksamkeit

© Museumsstiftung Post und Telekommunikation, Foto: Peter Boesang

Vinyl »STREIT!« des Rappers Dissput

Streitfrage

Macht Konsum glücklich?

Macht Konsum glücklich?

_Diskutier mit mir_

Online weiter diskutieren

Mit der App von Diskutier Mit Mir kannst Du in der Ausstellung diskutieren, online und überall: Sie verbindet Dich automatisch mit Leuten, die anderer Meinung sind. Im 1:1-Chat werden Teilnehmer:innen gematcht, die jeweils gegensätzliche Positionen vertreten. In einem geschützten Raum habt Ihr dann die Möglichkeit, Euch auszutauschen – wenn gewünscht auch anonym, denn eine Anmeldung ist nicht notwendig.

Du hast noch nicht genug?